Zuletzt bearbeitet am 5. Oktober 2026
Seit 10 Jahren begleite ich als Lerntherapeutin Familien mit Kindern, die beim Lesen, Schreiben oder Rechnen stolpern. Dabei begegnen mir immer wieder die gleichen Fragen. Das ist ganz normal, denn für jede Familie ist das Thema neu: Vielleicht hat dein Kind gerade eine Diagnose bekommen oder du bemerkst Schwierigkeiten und suchst nach Antworten. Deshalb habe ich hier meine 100 besten Tipps zu LRS und Rechenschwäche gesammelt – vom Erkennen der ersten Anzeichen über das Üben zu Hause bis zum Gespräch mit der Schule. Und wenn du selbst Lerntherapeutin werden möchtest, wartet am Ende ein eigenes Kapitel auf dich. Such dir einfach das Kapitel aus, das dich gerade beschäftigt. Wenn du tiefer einsteigen möchtest, klick dich gern weiter in die verlinkten Blogartikel. Viel Spaß beim Stöbern!
Anzeichen und Diagnostik: 15 Tipps, woran du LRS und Rechenschwäche bei deinem Kind erkennst
- LRS und Rechenschwäche werden meist erst im Schulalter erkannt. Erste Anzeichen zeigen sich aber schon viel früher: Achte schon im Vorschulalter darauf, ob dein Kind reimen, Silben klatschen und Anlaute heraushören kann, es sich für Mengen und Zahlen und das Zählen interessiert oder das lieber meidet.
- Schau genauer hin, wenn dein Kind beim Lesen-, Schreiben- oder Rechnenlernen Schwierigkeiten hat.
- Hör deinem Kind regelmäßig beim Lesen zu und achte auf stockendes Lesen und verwechselte Buchstaben.
- Nimm Schreibfehler ernst, die mal so und mal anders auftauchen – genau diese Schwankungen sind ein Hinweis.
- Schau, ob dein Kind richtig abzählen kann und versteht, wie sich Mengen verändern können, in dem man etwas dazutut oder wegnimmt.
- Achte darauf, ob die Schwierigkeiten bleiben, egal welches Thema gerade dran ist – dann geht es um die Grundlagen und nicht nur um eine Lernlücke, weil dein Kind zu der Zeit vielleicht gerade krank war.
- Informiere dich, sobald du irgendwie das Gefühl hast, dass die Entwicklung deines Kindes nicht so verläuft, wie du dir das vorgestellt hast. Du bist nicht übereifrig, sondern willst einfach keine Anzeichen übersehen.
- Kinder, die nicht auffallen wollen, entwickeln tolle Strategien, um über ihre Schwierigkeiten hinwegzutäuschen. Oft lernen sie z.B. Lesetexte oder Rechenaufgaben auswendig und laufen so leise im Unterricht mit. Bis die Lehrkraft merkt, dass etwas nicht stimmt, kann es manchmal sogar Jahre dauern. Weitere Gründe, warum LRS oft übersehen wird, kannst du hier weiterlesen.
- Suche dir auch außerschulische Gesprächspartner. Der Mythos „Das gibt sich schon noch mit der Zeit.“ ist leider unter Lehrkräften weit verbreitet und einfach nicht richtig. Hat ein Kind Schwierigkeiten im schulischen Anfangsunterricht braucht es Unterstützung, damit es eine solide Basis für das Weiterlernen aufbauen kann. Fehlt diese Unterstützung, entstehen immer größere Lücken.
- Nimm Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen früh in Angriff. Ich bekomme immer wieder Nachrichten von Eltern, die schreiben, dass sie schon seit mehreren Jahren etwas bemerken.
- Lass Sehen und Hören überprüfen, bevor ihr weiter nach Gründen sucht. Oft habe ich Schüler, die mithilfe einer Brille die Buchstaben erstmals klar sehen können. Denk auch immer daran, dass dein Kind vielleicht nicht so klar formulieren kann, dass es nicht richtig sieht oder hört, weil es für es selbst ja normal ist und es keinen Vergleich hat.
- Wenn mehr Üben nichts bringt, üb nicht noch mehr, sondern schau nach, welche Grundlage fehlt. Den Satz „Das Kind muss einfach mehr üben“ höre ich leider auch von pädagogisch geschultem Personal immer wieder. Lerntherapeutinnen können mit einem geschulten Blick und standardisierten Tests genau feststellen, wo dein Kind gerade steht und was es üben sollte, um voranzukommen.
- Warte nicht auf eine offizielle Diagnose, bevor du dir Unterstützung holst. Auf einen Termin beim Kinder- und Jugendpsychologen musst du oft sehr lange warten. Die Förderung kann schon vorher starten. Lerntherapeutinnen können mit einem geschulten Blick und standardisierten Tests genau feststellen, wo dein Kind gerade steht und was es üben sollte, um voranzukommen.
- Frag mehrere Lerntherapeutinnen gleichzeitig an, denn einen Therapieplatz zu bekommen, kann schwierig sein. Einen Termin für eine pädagogische Diagnostik bei einer Lerntherapeutin bekommst du in der Regel kurzfristig.
- Nach der pädagogischen Diagnostik hast du Klarheit darüber, ob dein Kind lerntherapeutische Unterstützung benötigt oder eine gezielte Nachhilfe helfen kann.
Lerntherapie: 10 Tipps, wie du die richtige Unterstützung für dein Kind findest
- Informiere dich über die Ausbildung, die eine Lerntherapeutin hat, und frag nach, ob sie sowohl pädagogisch als auch therapeutisch ausgebildet ist.
- Frag auch nach den Materialien, mit denen sie arbeitet. Eine gute Lerntherapie zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass evidenzbasiert gearbeitet, die Materialauswahl aber immer speziell auf dein Kind abgestimmt wird. Wenn du hörst, dass alle Schüler das gleiche Programm durchlaufen: Finger weg! Das kann nicht funktionieren.
- Achte darauf, dass direkt am Lesen, Schreiben oder Rechnen gearbeitet wird und nicht nur an allgemeinen Wahrnehmungsübungen.
- Einige Lerntherapeutinnen arbeiten auch online, so dass du im ganzen deutschsprachigen Raum suchen kannst.
- Frag nach, wie lange eine Einheit dauert – 45 Minuten sind meist eine gute Zeit um intensiv arbeiten zu können.
- Lass dir erklären, wie eine Lerntherapiestunde abläuft und was in den ersten Stunden passiert.
- Wenn dein Kind in eine Gruppe soll, überlege dir gut, ob du das sinnvoll findest. Frag nach, ob die anderen Kinder Schwierigkeiten auf dem gleichen Niveau haben, sonst wird es für dein Kind nicht sehr hilfreich sein.
- Achte darauf, dass die Lerntherapie keine langen Kündigungsfristen hat. Vielleicht kommt dein Kind mit der Lerntherapeutin nicht zurecht oder es wird deutlich, dass dein Kind zunächst eine andere Art der Unterstützung braucht. Dann sollte die Lerntherapie relativ kurzfristig beendet werden können.
- Klär gleich zu Beginn, welche Ziele für dein Kind realistisch sind und lass dir auch erklären, was Lerntherapie nicht leisten kann.
- Denk daran, dass in der Lerntherapie das Fundament aufgebaut wird. Dies unterscheidet Lerntherapie von Nachhilfe, die nah am Schulstoff arbeitet. Bis sich die Fortschritte der Lerntherapie in schulischen Noten zeigen, dauert es. Rechne mit mindestens 1-2 Jahren für eine erfolgreiche Lerntherapie.
Nachteilsausgleich und Elterngespräch: 15 Tipps, wie die Schule deinem Kind den Rücken stärkt
- Bitte zu Beginn des Schuljahres um ein kurzes Kennenlerngespräch, bevor die ersten Schwierigkeiten auftauchen.
- Frage vorher nach, wer dein Ansprechpartner ist. An manchen Schulen regelt das die Klassenlehrkraft, andere Schulen ziehen es vor, wenn du mit dem Fachlehrer sprichst.
- Vereinbar für ein Schulgespräch einen festen Termin, statt es zwischen Tür und Angel zu führen.
- Bereite dich auf das Gespräch vor und mache dir Stichpunkte.
- Vermeide Schuldzuweisungen und bleib offen. Stell z.B. die Frage „Wie können wir das gemeinsam fördern?“, damit ihr als Team aus dem Gespräch geht.
- Frag konkret nach, was im schulischen Förderunterricht gemacht wird und ob es zu den Schwierigkeiten deines Kindes passt. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber mir ist bisher kein Förderunterricht untergekommen, der Kinder mit LRS wirklich angemessen gefördert hätte. Einige positive Beispiele von Lerntherapie in Schule findest du bei Susanne Seyfried.
- Teile der Schule schriftlich mit, dass dein Kind extern gefördert wird, wenn du es vom Förderunterricht abmelden möchtest. Die Schule heftet das dann ab und ist abgesichert (sie wollte dein Kind fördern, du verzichtest freiwillig darauf).
- Such das ruhige Gespräch mit der Schule, wenn der Nachteilsausgleich an die Teilnahme am Förderunterricht geknüpft wird, denn das ist meist nicht rechtens.
- Gib dein Einverständnis dafür, dass sich Lerntherapeutin und Lehrkräfte regelmäßig austauschen dürfen. Es hilft sehr, wenn die Schule weiß, was wir in der Lerntherapie gerade bearbeiten und umgekehrt hilft es mir, als Lerntherapeutin, zu wissen, wo gerade in der Schule Schwierigkeiten auftreten.
- Informiere dich, was in deinem Bundesland zum Nachteilsausgleich gilt, bevor du in das Schulgespräch gehst – die Regelungen unterscheiden sich teilweise sehr.
- Eine Zusammenfassung zur Gesprächsvorbereitung zum Thema Nachteilsausgleich findest du in meinem Leitfaden „Speak Up“. Vielleicht hilft dir das, sich auf das Gespräch vorzubereiten.
- Bitte darum, dass die Schwierigkeiten deines Kindes schriftlich in der Dokumentation zur individuellen Lernentwicklung festgehalten werden. So können alle Lehrkräfte der Klasse einsehen, was ihr vereinbart habt.
- Haltet am Ende fest, wer was bis wann macht, und vereinbart gleich den nächsten Termin.
- Ermuntere dein Kind, offen mit seinen Schwierigkeiten umzugehen – Ungleichbehandlung ist hier gerecht.
- Bitte die Lehrkraft mit der ganzen Klasse darüber zu sprechen, warum einzelne Kinder anders arbeiten dürfen. Tipps für Lehrkräfte, um mit Kindern über Lernstörungen zu sprechen habe ich mit Susanne Seyfried in einem Gastartikel zusammengestellt.

Nachteilsausgleich gut vorbereitet.
Die 10 wichtigsten Punkte für Eltern von Kindern mit LRS oder Rechenschwäche.
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Üben zu Hause: 10 Tipps, wie dein Kind ohne Frust lernt
- Kläre erst den genauen Lernstand deines Kindes, bevor du Übungsmaterial aussuchst. Denn nur so weißt du, was du mit deinem Kind eigentlich üben solltest (Spoiler: Das ist in der Regel nicht der Schulstoff).
- Übe mit deinem Kind an der Null-Fehler-Grenze, also auf einem Niveau, auf dem dein Kind fast alles richtig macht.
- Übt lieber fünf bis zehn Minuten täglich als einmal in der Woche einen langen Block.
- Such nicht selbst Arbeitsblätter im Netz, sondern frag eure Lerntherapeutin nach passenden Übungen.
- Verpack das Üben in ein Gesellschaftsspiel, wenn Arbeitsblätter nur noch Frust machen. Ein Schüler von mir spielte 20 Minuten Einmaleins-Bingo, bevor er fragte: „Wann fangen wir denn heute an zu arbeiten?“
- Nutz Üben nie als Strafe. Lernen soll Spaß machen und dein Kind wissbegierig bleiben.
- Beginn jede Übungseinheit mit einer kurzen Wiederholung dessen, was ihr beim letzten Mal gemacht habt. Das schafft Erfolgserlebnisse und macht den Fortschritt deutlich.
- Schau dir dein Kind an, bevor es die Hausaufgaben anfängt: Ist es müde, überreizt oder frustriert, kann es gerade nicht lernen. Frag am besten dein Kind, was es noch braucht, um jetzt lernen zu können.
- Stell einen Timer und erkläre deinem Kind, dass es aufhören darf, wenn er klingelt – auch wenn die Aufgabe noch nicht fertig ist. Dann ist Zeit für eine kleine Pause. Hier findest du 60+ Ideen für Mini-Pausen.
- Stopp die Hausaufgaben nach der vereinbarten Zeit. Wenn dein Kind nicht alles erledigen konnte, schreib der Lehrkraft eine kurze Notiz darunter. Meine Grundschüler berichten häufig, dass sie mehrere Stunden mit Hausaufgaben verbringen – das muss nicht sein. Sie brauchen vielmehr ein Umfeld, das Verständnis zeigt.
Lesen und Rechtschreibung: 15 Tipps, wie dein Kind eine Basis aufbaut
- Sprich bei Buchstabenspielen den Laut, also „mmm“ – nicht „me“ und nicht den Buchstabennamen „em“. In meiner Lerntherapie erlebe ich immer wieder, wie Kinder strahlen, wenn sie plötzlich erkennen, wie Laute und Buchstaben zusammenhängen.
- Fang mit lauttreuen Wörtern an, also mit Wörtern, die man genauso schreibt, wie man sie spricht. Das vereinfacht das Lesen und das Schreiben.
- Übe mit deinem Kind, ein Wort in Silben zu lesen, also „Ho-se“ und „In-sel“.
- Mach aus dem Silbenteppich deines Kindes ein Lesespiel, statt ihn nur abzulesen.
- Wähle eine Leseübung, die zur aktuellen Lesestufe deines Kindes passt und nicht zum Schulstoff. Wie Lesenlernen eigentlich funktioniert und welche Stufen es gibt, kannst du hier weiterlesen.
- Lesen üben und abendliches gemeinsames Lesen, weil es Spaß macht, sind zwei unterschiedliche Dinge. Lies deinem Kind ruhig weiter vor. Das ist ein schönes Ritual, das deinem Kind Bücher und die Freude an Geschichten näher bringt.
- Bastelt ein Klappbuch mit Sätzen gleichen Aufbaus, dann entstehen beim Umklappen immer neue lustige Sätze. Dein Kind ist motiviert, weil es seinen eigenen Text liest und die Sätze, die entstehen, sind oft sehr lustig.
- Die Silben helfen auch beim Schreiben. Wenn dein Kind verstanden hat, dass jede Silbe einen Selbstlaut (Vokal) braucht, passieren weniger Schreibfehler.
- Übt lieber die häufigsten Wörter richtig zu schreiben, statt jeder Sonderschreibung hinterherzujagen. Dazu findest du im Netz die 100 oder auch 200 häufigsten Wörter im Deutschen.
- Sag deinem Kind, dass Nachschlagen völlig normal ist, weil auch Erwachsene nicht alles richtig schreiben.
- Korrigier nicht jeden Fehler im Text, sondern such dir für eine gewisse Zeit nur einen Schwerpunkt aus, z.B. die Großschreibung.
- Leite dein Kind an, nur auf diesen Schwerpunkt hin seinen Text zu überarbeiten. Oft fallen deinem Kind dann auch noch weitere Fehler auf. Das wird natürlich gefeiert!
- Sichert erst die Regelwörter, bevor ihr euch an Merkwörter und Ausnahmeschreibungen macht.
- Sammelt Fehlerwörter in einem Karteikasten. Sprecht beim Aufschreiben darüber, welcher Fehler passiert ist und was helfen kann, das Wort in Zukunft richtig zu schreiben.
- Mit den Karteikarten kannst du viele tolle Spiele spielen. Einige Ideen findest du in Flashcard Fun. Meine Schüler lieben auch das Kasino-Spiel.
Rechnen: 12 Tipps, wie dein Kind ein sicheres Zahlenfundament aufbaut
- Das „Haus der Mathematik“ muss von unten aufgebaut werden. Erst wenn dein Kind sicher zählen, Mengen vergleichen und Zahlen zerlegen kann, lohnt sich das Rechnen. Welche mathematischen Basiskompetenzen dazugehören, kannst du hier weiterlesen.
- Übt die Zahlenreihe vorwärts und rückwärts, später auch in Zweier- und Fünferschritten. Das geht ganz nebenbei im Alltag.
- Hilf deinem Kind, Mengen auf einen Blick zu erkennen, statt sie abzuzählen. Finger- oder Würfelbilder nutzen die „Kraft der Fünf“ und sind der erste Schritt weg vom zählenden Rechnen. Mehr zum Rechnen mit den Fingern findest du hier.
- Macht die Zahlzerlegung zum festen Übungsthema, denn dass die 5 aus 3 und 2 bestehen kann, ist die Grundlage für jede Plus- und Minusaufgabe. Auch ein Achtklässler, der beim Addieren stolpert, übt die Zahlzerlegung genauso wie ein Zweitklässler – lernen kann man in jedem Alter (alles andere ist ein Mythos).
- Automatisiert das kleine 1+1, damit dein Kind nicht jede Aufgabe wieder neu ausrechnet. So bleibt der Kopf frei für die nächsten Schritte, wie den Zehnerübergang, aber auch beim schriftlichen Rechnen sind die Automatisierungen eine wichtige Grundlage.
- Frag nach, wie dein Kind rechnet, denn der Rechenweg verrät dir viel mehr als das richtige oder falsche Ergebnis! Wenn ich bei meinen Schülern mit Rechenschwierigkeiten genau hinschaue, wie sie tatsächlich auf das Ergebnis kommen, kommen da oft ganz seltsame Wege zum Vorschein. Diese können in der ersten Klasse funktionieren, überlasten aber mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad der Aufgaben das Gedächtnis. Beim schriftlichen Rechnen sind die Schüler dann überfordert.
- Lass dein Kind laut erklären, wie es vorgeht. „Zeig mir mal mit den Plättchen, was 6 – 2 = 4 bedeutet.“ Oft scheinen Kinder richtig zu rechnen. Mathesprache unterscheidet sich aber von der Alltagssprache und muss extra gelernt werden. Erst beim Versprachlichen werden Zahlenstrukturen wirklich bewusst.
- Arbeitet mit wenigen, klaren Darstellungsmitteln statt mit vielen bunten Materialien. Worauf es bei Darstellungsmitteln ankommt, habe ich hier zusammengefasst.
- Verknüpft Malaufgaben mit Bildern aus dem Alltag. Wenn du mit offenen Augen durch die Welt gehst, kannst du sie überall entdecken: Fenster in Häusern, Gartenzäune, Lebensmittelverpackungen. Ganz besonders deutlich werden Malaufgaben in Handlungen. Mein Lieblingsbeispiel: Gehst du 4-mal in den Keller und holst jeweils 2 Flaschen Wasser hoch oder nur 2-mal und holst jeweils 4? Das ist ein deutlicher Unterschied in der Malaufgabe, obwohl das Ergebnis gleich bleibt.
- Spielt Rechenspiele: Pig 10, Lobo 77 oder ONO 99 trainieren Plusaufgaben im Zahlenraum bis 10 und bis 100. Kniffel das Kopfrechnen in vielen Bereichen. Kniffel ist eines meiner Lieblingsspiele. Es trainiert das Kopfrechnen in vielen Bereichen (Addition, Multiplikation, schriftliches Rechnen). Meine Lieblingsspiele in der Lernttherapie findest du hier.
- Holt Mathe in den Alltag, beim Einkaufen, beim Lesen von Rezepten mit ihren Maßeinheiten oder mit Gesellschaftsspielen. Weitere Ideen für den Alltag findest du hier.
- Erklär deinem Kind, was hinter seinen Rechenschwierigkeiten steckt. Viele meiner Schüler sind sich sicher, dass sie Mathe „einfach nicht können“ und dass sie die einzigen in der Klasse sind, denen es so geht. Es entlastet sie sehr zu hören, dass sie nicht zu dumm und nicht allein sind. Kindgerechte Videos zur Rechenschwäche helfen dir dabei.
Selbstwertgefühl: 15 Tipps, wie dein Kind wieder an sich glaubt
- Rück das in den Mittelpunkt, was gelingt. Kinder mit LRS oder Rechenschwäche konzentrieren sich häufig auf das, was nicht klappt, und haben oft schon viele Misserfolge erlebt, bevor sie Unterstützung bekommen.
- Frag statt „Wie war es heute in der Schule?“ lieber „Was war heute deine Sternstunde?“. In der Lerntherapie tragen meine Schüler ihre Sternstunden in ein Sternstundenblatt ein, zum Beispiel „Ich habe mich heute in Mathe gemeldet“ oder „Ich habe einem Mitschüler geholfen“.
- Eine andere Möglichkeit, Erfolge sichtbar zu machen, ist das Konfettiglas. Darin sammel ich mit meinen Schülern auf bunten Zetteln die kleinen Erfolge der Woche – ein gelöstes Matheproblem, ein mutiger Satz im Unterricht oder einfach „Heute habe ich durchgehalten, obwohl es schwer war“. Auch ich ergänze bei meinen Schülern immer wieder Konfettis, wenn ich sehe, dass eine Übung ganz wunderbar geklappt hat.
- Vergleich dein Kind mit sich selbst und nicht mit dem Schulstoff, denn die Förderschwerpunkte liegen häufig weit darunter. Nur so werden die Fortschritte für dein Kind überhaupt sichtbar.
- Macht Fortschritte mit einer Erfolgsliste sichtbar: Zählt zum Beispiel, wie viele Wörter dein Kind in einer Minute fehlerfrei liest und vergleicht den Wert nach ein paar Wochen Üben mit dem Startwert.
- Schaut euch Rückschritte gemeinsam und in Ruhe an. Sie gehören zum Lernen dazu und sind kein Grund, aufzugeben.
- Häng ein „noch“ an: Aus „Ich kann das nicht“ wird „Ich kann das NOCH nicht“. Bei meinen Schülern sehe ich sehr gut, was positive Gedanken bewirken – oft berichten Eltern schon nach ein bis zwei Stunden von positiven Entwicklungen in der Schule. Was hinter diesem Growth Mindset steckt, kannst du hier weiterlesen.
- Frag nach einem Misserfolg: „Was kannst du das nächste Mal anders machen?“, statt „Das nächste Mal wird’s besser!“ zu sagen.
- Trenn Leistung und Person. Eine schlechte Note sagt etwas über eine Aufgabe, nicht darüber, wer dein Kind ist. Ich habe auch oft Schüler, die z. B. im Zahlenraum 20 rechnen können. Dann kommt aber eine Aufgabe in Form einer Tabelle oder Blume oder etwas anderem und schon können sie die Aufgaben nicht mehr lösen. Oft ist es die Form oder das Umfeld in der Klasse, die Kinder daran hindert, ihr Wissen abzurufen.
- Sei Vorbild und sprich auch über deine eigenen Fehler und darüber, wie du mit ihnen umgehst. Kinder hören sehr genau hin, wie wir Erwachsenen mit uns selbst reden.
- Sprecht darüber, dass Fehler Helfer sind – viele Erfindungen sind erst durch Fehler entstanden. Als ich mit meinen Schülern über Fehler nachgedacht habe, stellten am Ende alle fest, dass Fehler nichts Schlimmes sind und man daraus lernen kann.
- Geht gemeinsam auf Schatzsuche nach den Stärken deines Kindes. Vielen Kindern mit Lernschwierigkeiten fällt es schwer, eigene Stärken zu benennen, und gerade deshalb lohnt sich der Blick darauf. Wenn dein Kind seine eigenen Stärken noch nicht selbst sehen kann, hilft oft die Frage danach, was andere sagen würden. „Was würde (deine Freundin) sagen, warum sie mit dir befreundet sein möchte?“
- Kläre mit deinem Kind die Schuldfrage bei Lernschwierigkeiten: Weder dein Kind noch du seid schuld an der LRS oder Rechenschwäche. In Gesprächen setze ich dafür gern einen Tischaufsteller ein und das führt oft zu einem richtigen Aha-Erlebnis bei Kindern und Eltern. Wie Psychoedukation entlastet, kannst du hier weiterlesen.
- Lest gemeinsam Bücher, in denen Kinder mit ähnlichen Schwierigkeiten die Heldinnen und Helden sind, zum Beispiel „Linkslesestärke“ oder „Sams grüner Daumen“. Meine Lieblingsbücher dazu habe ich in Starke Bücher für starke Kinder zusammengestellt.
- Zeig deinem Kind Menschen, die trotz LRS oder Rechenschwäche ihren Weg gegangen sind. Wer erfährt, dass auch bekannte Persönlichkeiten beim Lernen gestolpert sind, traut sich selbst mehr zu. Bücher mit prominenten Vorbildern habe ich dir hier zusammengestellt.
Lerntherapeutin werden: 8 Tipps, wie du deine eigene Praxis aufbaust
- Entscheide dich bewusst für eine fundierte Ausbildung, denn die Berufsbezeichnung „Lerntherapeutin“ ist in Deutschland nicht geschützt. Formal kann sich jede Person so nennen – umso wichtiger ist, dass du mit Qualität überzeugen kannst. Wie die Wege in den Beruf aussehen können, haben Susanne Seyfried und ich in unserem Blogartikel Lerntherapeut werden ausführlich zusammengestellt.
- Prüfe, ob der Beruf zu dir passt: Arbeitest du gern kleinschrittig und geduldig mit Kindern und Jugendlichen, freust du dich über kleine Fortschritte und kannst du dir vorstellen, überwiegend nachmittags und eng mit Eltern und Schulen zusammenzuarbeiten? Dann bringst du schon viel von dem mit, was diesen Beruf ausmacht.
- Wenn du Lehrkraft bist, bringst du Fachwissen, Didaktik und pädagogisches Gespür mit – neu lernen wirst du vor allem Entwicklungsmodelle, standardisierte Diagnostik und die therapeutische Seite der Arbeit. Ich war über 15 Jahre Grund- und Hauptschullehrerin, bevor ich 2016 in die Lerntherapie gewechselt bin und meinen Master in integrativer Lerntherapie gemacht habe. Warum ich diesen Schritt nie bereut habe, liest du in 5 Gründe, warum ich es liebe, Lerntherapeutin zu sein.
- Such dir ein Netzwerk, denn die meisten Lerntherapeutinnen arbeiten allein in ihrer Praxis. Im Lerntherapeutennetzwerk von Susanne Seyfried treffen wir uns mehrmals im Monat mit Kolleginnen aus Deutschland und Österreich – was mir dieses Jahr im Netzwerk gebracht hat, kannst du hier nachlesen.
- Mach Supervision zu einem festen Bestandteil deiner Arbeit, auch nach der Ausbildung, denn eine Ausbildung ist ein Fundament und kein Endpunkt. Auch wenn ich in der Gruppensupervision mal keinen eigenen Fall eingebracht habe, konnte ich jedes Mal neue Ideen für meine Arbeit mitnehmen. Das ist so wertvoll!
- Überlege dir, mit welcher Zielgruppe du arbeiten möchtest. Sind es eher die jüngeren Schüler in deiner eigenen Praxis oder willst du mit Kleingruppen im schulischen Rahmen arbeiten? Vielleicht ist auch Online-Lerntherapie eine Möglichkeit für dich, Schüler weit über deinen Ort hinaus zu erreichen. Meine Erfahrungen aus mehr als 5 Jahren Online-Lernthetrapie findest du hier: Praxistipps aus über fünf Jahren Online-Lerntherapie.
- Werde sichtbar, indem du über die Fragen schreibst, die dir in deiner Arbeit immer wieder begegnen. Mein Blog ist inzwischen auf über 100 Beiträge angewachsen und gleichzeitig meine persönliche Fachbibliothek – warum Bloggen für Lerntherapeutinnen nachhaltig wirkt, erzähle ich hier.
- Hol dir für den Berufseinstieg Begleitung, statt alles allein herauszufinden. Ich bin 2016 ganz ohne Mentoring gestartet und genau deshalb habe ich ein Coaching für (angehende) Lerntherapeutinnenentwickelt.

