Menü Schließen

Was ist Lerntherapie und was ist der Unterschied zu Nachhilfe?

Jeder, der mit Schule und Lernen zu tun hat, weiß was Nachhilfe ist. Einige werden das Angebot auch schon einmal in Anspruch genommen haben, wenn es beim Lernen Schwierigkeiten gab oder die Noten dringend verbessert werden mussten. Doch was ist Lerntherapie? Dieser Begriff ist vielen nicht ganz so vertraut.  „Das ist doch sowas wie Nachhilfe?“, bekomme ich öfter zu hören. Doch dem ist nicht so oder vielleicht doch ein bisschen?

Wer Probleme in der Schule hat, geht zur Nachhilfe, oder?

Nachhilfe ist ein zusätzliches Lernangebot neben dem normalen Schulunterricht. Das Ziel ist es, Lücken im Schulstoff aufzuarbeiten und die Schulnoten in möglichst kurzer Zeit zu verbessern. Nachhilfeunterricht findet in Instituten oder bei Privatpersonen, ein- oder zweimal wöchentlich, in Einheiten bis zu 90 Minuten statt. Dies kann in kleinen Gruppen oder als Einzelunterricht organisiert sein. Nachhilfelehrer haben nicht immer eine pädagogische Ausbildung, sind aber Experten in dem Fachgebiet, welches sie unterrichten. Sie unterstützen Schüler so dabei, ihre Lücken im Schulstoff zu schließen.

Manchmal hilft das aber nicht weiter, warum?

Es gibt Schüler, deren Probleme sich zwar im aktuellen Schulstoff zeigen, die Ursachen dafür liegen aber oft in fehlenden Grundkompetenzen. Mathematisches Wissen, aber auch Lesen und Schreiben baut auf Basiskompetenzen auf, die bereits vorschulisch erworben werden. Fehlen diese oder sind sie nicht optimal entwickelt, kann schulisches Lernen nicht gelingen. Dies kann man sich wie den Bau eines Hauses vorstellen. Ist bereits das Fundament löchrig, trägt es nicht den ersten Stock oder gar das Dach, welches aus schulischem Wissen aufgebaut wird.

Wie kann Lerntherapie helfen?

Lerntherapie setzt an den individuellen Lernschwerpunkten an und das ganz unabhängig vom Schulstoff des jeweiligen Schuljahres. Durch das Aufarbeiten der Lücken wird eine tragfähige Basis zum Weiterlernen geschaffen. Da die Schwerpunkte sehr individuell sind, findet Lerntherapie i.d.R. im Einzelsetting mit einem ausgebildeten Lerntherapeuten statt. Dieser stellt durch eine pädagogische Diagnostik zu Therapiebeginn fest, wie weit der Lernende bereits ist und an welchen Fehlerschwerpunkten zunächst angesetzt werden sollte. Da dies selten etwas mit dem regulären Schulstoff zu tun hat, hat dies kurzfristig keine Auswirkungen auf die Schulnoten. Es bedeutet auch, dass sich Verbesserungen nur in dem kleinen Bereich einstellen, der gerade bearbeitet wird. Das kann z.B. das lauttreue Schreiben sein oder das Rechnen im Zahlenraum 10. Es sind nur kleine Fortschritte, doch bauen diese langfristig das Haus des Lernens auf, so dass sich später weitere Erfolge einstellen können.

Integrative Lerntherapie hat den Fokus aber nicht nur auf der Arbeit mit dem Schüler. Auch das Umfeld wird mit beachtet und beraten. Oft sind Eltern bereits sehr verzweifelt, bis sie Hilfe bei einer lerntherapeutischen Praxis suchen. Lernen bedeutet bereits seit langer Zeit Stress und belastet das Familienleben und den Umgang mit der Schule. Die Eltern sind daher wichtiger Teil der Lerntherapie und bekommen durch den Lerntherapeuten Beratung und Unterstützung im Umgang mit den Lernschwierigkeiten.

Neben den Eltern fühlen sich häufig auch die Lehrkräfte verunsichert und angesichts der aktuellen Arbeitsbelastung in den Schulen teilweise auch überfordert. Da Lernstörungen bei vielen nicht Teil der Ausbildung waren, fehlt häufig Wissen über das jeweilige Störungsbild und den Umgang mit Schülern mit Beeinträchtigungen im inklusiven Setting. Im Rahmen der integrativen Lerntherapie findet daher ein regelmäßiger Austausch mit den Lehrkräften des Schülers statt, sofern die Eltern dies unterstützen.

Dann ist Lerntherapie doch so etwas wie Nachhilfe?

Die Arbeit an den grundlegenden inhaltlichen Schwerpunkten, also Mathematik oder in Deutsch Lesen oder Schreiben, manchmal auch Lesen und Schreiben in Englisch, ist nur ein Teilbereich der Lerntherapie. Neben dem Inhaltsbereich ist der Persönlichkeitsbereich ein wesentlicher Aspekt der Lerntherapie.

Bevor Schüler eine Lerntherapie bekommen, haben sie oft jahrelang negative Erfahrungen in der Schule gemacht. Viele haben bereits Nachhilfe bekommen und keine Fortschritte erzielt. Die Noten wurden immer schlechter und der Lernfrust immer größer. Einige Schüler fühlen sich bereits als Versager und sind sich sicher, dass sie einfach zu dumm sind, um in der Schule mitzukommen. Hier setzt die Lerntherapie an.

Ein wesentliches Ziel ist die Entwicklung eines positiven Selbstbildes. Dieses beinhaltet die Akzeptanz, dass es Dinge gibt, die einem beim Lernen schwerfallen, an denen man aber arbeiten und Fortschritte erzielen kann. Ein weiterer Punkt ist das Erkennen und Wertschätzen der eigenen Stärken. Oftmals fällt es schwer, eigene Stärken zu erkennen, weil über lange Zeit der Fokus auf dem Negativen lag. Hier arbeitet die Lerntherapie mit Übungen aus dem psychotherapeutischen Bereich, um den Blickwinkel zu ändern und zu einem growth mindset (Wachstumsdenken) zu gelangen. Hier wird deutlich, dass Lerntherapeuten ausgebildete Fachkräfte in ihrem Gebiet sein sollten. Bevor eine Lerntherapie begonnen wird, lohnt es sich daher, sich die Qualifikation des Therapeuten genau anzuschauen und sich in einem Erstgespräch ein eigenes Bild zu machen. Hilfreiche Tipps zur Suche nach einem guten Lerntherapeuten hat meine Kollegin Susanne Seyfried zusammengestellt.

Bildquellen: Canva

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner