Zuletzt bearbeitet am 2. August 2026
Ich war eine gute Schülerin und weiß trotzdem, wie sich Aufholen anfühlt. Und wie gut es sich anfühlt, es dann geschafft zu haben! Vor einiger Zeit saß ich in einem Seminar zum Thema Lernbiografie und bekam eine Frage gestellt, die mich seither viel beschäftigt hat: Wie haben mich das Lernen und meine Schulzeit eigentlich geprägt und hat das Auswirkungen auf meine Arbeit als Lerntherapeutin? Ich habe seitdem viel darüber nachgedacht – angestoßen auch durch mein 30-jähriges Abitreffen, von dem ich dir in meinem Juni-Rückblick erzählt habe.
Nicole Gerbatsch lädt gerade zu ihrer Blogparade „Wie meine Schulzeit mich geprägt hat“ ein – der perfekte Anlass, dieser Frage einmal in Ruhe nachzugehen. Herausgekommen sind zwei Dinge, die ich als Schülerin selbst erlebt habe und die heute in meiner Lerntherapie mit drinstecken.
Wie meine Schulzeit mich geprägt hat – auf einen Blick
▶ Ich habe selbst erlebt, wie sich Aufholen anfühlt – nicht schlechter zu sein, einfach nur später dran.
▶ Genau diese Erfahrung hilft mir heute, meine Schüler zu verstehen und ihnen einen passenden Rahmen zu schaffen, in dem Entwicklung möglich wird.
▶ Geprägt haben mich nicht die Noten, sondern die Menschen, die mir etwas zugetraut und Potenzial in mir gesehen haben.
▶ Was ich meinen Schülern weitergeben möchte, ist der eigene „Ich hab’s geschafft!“-Moment, der weiter trägt als jede gute Note.
Ich war eine gute Schülerin – und trotzdem
Mir ist die Schulzeit insgesamt leicht gefallen. Ich war begeisterungsfähig, habe schulische Themen auch in meiner Freizeit weiter vertieft – meine Eltern, beide Lehrer, hatten dafür zu Hause den passenden Boden bereitet. Was ich früher alles werden wollte und heute bin, kannst du in diesem Blogartikel nachlesen. Kurz gesagt: Ich gehörte meistens zu den guten Schülern.
Aber eben nur meistens. Beim Wechsel in die Oberstufe (verbunden mit einem Schulwechsel) habe ich zum ersten Mal richtig gespürt, wie es ist, wenn andere plötzlich weiter sind. In meinem Französischkurs saßen überwiegend Schülerinnen, die die Sprache schon seit der 5. Klasse lernten – also zwei Jahre länger als ich. Und in meinem Musik-Leistungskurs stellte ich fest, dass wir in der Mittelstufe einige Themen gar nicht behandelt hatten und ich über keine gute Basis verfügte, was die Musiktheorie anging. Das musste ich erst einmal nachholen.
Es lag nicht daran, dass ich es nicht konnte. Die anderen hatten schlicht einen Vorsprung oder Dinge gelernt, zu denen ich noch gar keine Möglichkeit gehabt hatte. Ich musste einfach aufholen. Dieses Gefühl – zu sehen, dass andere etwas schon können, während man selbst noch am Anfang steht – habe ich damals zum ersten Mal kennengelernt. Für mich war es eine vorübergehende Phase.
Was meine Schulzeit mit meiner Lerntherapie zu tun hat
Für viele meiner heutigen Schüler ist genau dieses Gefühl Alltag. Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen betreffen mehr oder weniger alle Schulfächer. Sie merken täglich und in fast allen Schulstunden, dass sie etwas nicht können und hinter anderen her hinken.
„Lesen kann ich einfach nicht.“ Solche Sätze höre ich in fast jedem Erstgespräch. Kinder mit LRS oder Rechenschwäche erleben ihre Schulzeit oft als schwierig und anstrengend. Die Misserfolge häufen sich und manche Kinder oder Jugendliche würden am liebsten gar nicht mehr in die Schule gehen. Wenn sie die Lerntherapie bei mir starten, trauen sie sich meist sehr wenig zu.
Dabei sind sie nicht „schlechter“ als andere. Sie brauchen einfach mehr Zeit, einen anderen Weg oder passendere Bedingungen – genau wie ich damals in Französisch und Musik. Der Unterschied ist nur: Ich durfte in einem Fach aufholen, das mir Spaß machte (auch wenn ich am Ende nur mittelmäßige Leistungen erreichte, die Freude am Inhalt blieb trotzdem). Meine Schüler dagegen kämpfen in genau den Bereichen, die jeden Tag gebraucht werden – in jeder Stunde, in jedem Fach. Da ist die Luft schnell raus und es macht ganz schnell keinen Spaß mehr, sich mit diesen Inhalten zu beschäftigen. Das Gefühl, nicht zu genügen, ist schnell da und nistet sich tief ein.
Genau hier verbindet uns unsere Erfahrung. Ich weiß, wie es sich anfühlt, hinterherzuhinken, ohne dumm zu sein. Und ich weiß, dass Aufholen möglich ist – mit der richtigen Begleitung und ein bisschen Geduld.
Was von der Schulzeit wirklich bleibt: das Gefühl, etwas geschafft zu haben
Aber was genau macht eigentlich eine gute Begleitung aus? Die Antwort darauf finde ich, wenn ich noch einmal in meine eigene Schulzeit schaue.
Wenn ich zurückblicke, sind es nicht die schulischen Inhalte, die geblieben sind – von den grundlegenden Kenntnissen einmal abgesehen. Was bleibt, sind die Momente, in denen mir jemand etwas zugetraut hat, was ich mir selbst nicht zugetraut hätte.
Da war zum Beispiel unser Klassenlehrer, der mit uns in der 9. Klasse eine mehrtägige Fahrradtour durch das Rheintal machte. Mehrere Tage sind wir von Jugendherberge zu Jugendherberge gefahren. Wir haben es bis zur Loreley nach oben geschafft, ohne abzusteigen. Heute denke ich mir: Was für ein Vertrauensvorschuss von unseren Lehrkräften! 28 Jugendliche auf Fahrrädern im normalen Straßenverkehr, eine ganze Woche lang. Heute kaum noch vorstellbar. Geblieben ist mir davon nicht die Strecke und nicht die Landschaft. Geblieben ist dieses wahnsinnig gute Gefühl am Ende: Wir haben das gemeinsam geschafft.
Was ein Kind aus der Schulzeit mitnimmt, entscheidet sich eben nicht an den Noten. Es entscheidet sich daran, ob ihm jemand etwas zugetraut hat und ob es danach selbst erleben konnte, dass es das schaffen kann.
Was ich daraus für meine Arbeit als Lerntherapeutin mitgenommen habe
Genau solche Erfolgserlebnisse wünsche ich jedem meiner Schüler. Nichts trägt besser als das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Deshalb schaue ich in der Lerntherapie nicht auf die Norm und nicht auf die Note, sondern darauf, was seit dem letzten Mal schon besser geworden ist. Wie ich diesen Lernweg inzwischen sichtbar mache, habe ich in meinem Mai-Rückblick beschrieben.
Lernen ist keine Gerade. Es gibt Phasen, in denen etwas richtig gut läuft, und Phasen, in denen scheinbar gar nichts vorangeht. Beides gehört dazu. Wenn ein Schüler aber schwarz auf weiß sieht, wie weit er schon gekommen ist, verändert das alles. Aus einem „Das kann ich nicht“ wird Schritt für Schritt ein „Das kann ich NOCH nicht“ – und schon ist die Tür wieder offen.
Ich war lange selbst Lehrerin, bevor ich Lerntherapeutin wurde. Und ich habe im Schulalltag oft gespürt, dass für genau diese individuelle Begleitung schlicht die Zeit und die Ressourcen fehlen. Das ist selten die Schuld der Lehrkräfte – die meisten geben ihr Bestes und sind in diesem System heillos überlastet. Aber es bedeutet, dass gerade die Kinder, die etwas mehr Zeit brauchen, oft hinten runterfallen.
Deshalb liebe ich meine heutige Arbeit so: Jetzt kann ich Lehrerin so sein, wie ich mir das früher immer vorgestellt hatte. Ich kann jedem Kind das geben, was bei mir selbst hängengeblieben ist – das Gefühl, gesehen zu werden, einen passenden Rahmen zu geben, in dem Entwicklung möglich ist und dem Kind oder Jugendlichen die Möglichkeit geben, etwas schaffen zu können, was es sich vorher nicht zugetraut hätte.
Und du? Was ist dir aus deiner eigenen Schulzeit geblieben – eine Lehrkraft, ein Moment, ein Gefühl? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!
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