Zuletzt bearbeitet am 25. April 2026
2019 habe ich bei Hanna Hardeland die Ausbildung zum Lerncoach gemacht und danach immer wieder Elemente in meine Lerntherapie eingebaut. Denn Lerncoaching schafft die Voraussetzungen, damit Lernen möglich wird. Motivation, Aufmerksamkeit und Konzentration, Arbeitsorganisation und Lernen planen bzw. in die Umsetzung kommen – all das sind Themen im Lerncoaching. Im Zentrum steht dabei ein großes Thema: die Selbstregulation in der Lerntherapie.
Zwischenzeitlich habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich zu viel davon mit in die Lerntherapie packe. Schließlich lautet mein Auftrag meist, das Kind oder den Jugendlichen beim Lesen, Schreiben oder Rechnen zu unterstützen. Der DUDEN-Kongress „Inklusive Schule und Lerntherapie“ hat mir darauf eine wichtige Antwort gegeben:
Selbstregulation ist die Voraussetzung, damit Lernen gelingen kann und Selbstregulation lernt man nicht einfach von selbst. Erwachsene müssen Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, damit diese Entwicklungsaufgabe gelingt.
Genau deshalb ist Lerncoaching ein wichtiger Teil der Lerntherapie!
Selbstregulation auf einen Blick
✔️ Selbstregulation ist die Voraussetzung, damit Lernen gelingen kann und damit auch elementar für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit.
✔️ Selbstregulation lernt man nicht von selbst. Sie ist eine Entwicklungsaufgabe, bei der Erwachsene Kinder und Jugendliche aktiv unterstützen müssen.
✔️ Kinder mit LRS oder Rechenschwäche sind oft im Stressmodus und können sich genau deshalb nur schwer selbst regulieren. Deshalb setze ich an der Null-Fehler-Grenze an.
✔️ Co-Regulation kommt vor Selbstregulation: Erst wenn ein Erwachsener immer wieder mitreguliert, kann das Kind das Muster nach und nach selbst übernehmen.
✔️ Selbstregulation beim Lernen umfasst mehrere Schritte – vom Ziel formulieren über die Arbeitsfähigkeit herstellen bis zum Erfolge feiern. Jeder Schritt muss geübt werden.
✔️ Lerncoaching ist deshalb kein „Beiwerk“ in der Lerntherapie, sondern ein wichtiger Bestandteil – auch wenn der eigentliche Auftrag das Lesen, Schreiben oder Rechnen ist.
Was ist Selbstregulation überhaupt?
Selbstregulation im Alltag erkennen
Selbstregulation beobachten wir täglich. Meistens dann, wenn sie nicht funktioniert: Ein Kind sitzt vor den Hausaufgaben, ist müde, frustriert oder aufgekratzt und findet einfach nicht ins Arbeiten. Ein anderes Kind fängt an, ist nach fünf Minuten beim Smartphone, kehrt zurück, schaut aus dem Fenster, steht auf, setzt sich wieder. Und ein drittes Kind merkt nicht, dass es schon längst nicht mehr versteht, was es da liest und blättert trotzdem weiter.
Selbstregulation bedeutet im Kern: Ich bemerke, was in mir passiert, und ich kann darauf und auf äußere Umstände reagieren, bevor es mich überwältigt. Ich spüre, dass ich gerade unkonzentriert bin und tue etwas dagegen, damit ich mich wieder fokussieren kann. Ich merke, dass eine Aufgabe mich überfordert und hole mir Hilfe. Ich erkenne, dass mir die Geduld ausgeht und mache eine Pause, bevor ich frustriert aufgebe.
Was die Wissenschaft sagt
Die Experten der Leopoldina (2024, S. 10) definieren Selbstregulationskompetenzen so:
„Diese Kompetenzen umfassen kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten, die es erlauben, persönliche Ziele zu erreichen und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Dazu zählen die selbstständige Organisation von Aufgaben, die Aufmerksamkeitssteuerung, das bewusste Erleben von Emotionen ohne impulsives Handeln sowie die Fähigkeit, soziale Konflikte zu bewältigen und sich aktiv an Entscheidungen zu beteiligen.“
Die Experten der Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften, beraten Politik und Öffentlichkeit in wichtigen gesellschaftlichen Fragen.
Selbstregulationskompetenz ist keine Charakterfrage, vielmehr ist sie eine Entwicklungsaufgabe. Kinder und Jugendliche müssen Selbstregulation genauso erlernen wie das Rechtschreiben oder das Einmaleins. Selbstregulationskompetenz hängt dabei eng mit schulischen Leistungen zusammen, sie ist entscheidend für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit und sie ist heute außerdem die Grundlage für einen sinnvollen Umgang mit Social Media und Künstlicher Intelligenz. Anders gesagt: Wer sich nicht selbst regulieren kann, hat es in einer Welt voller Reize, Angebote und Ablenkungen besonders schwer.
Deshalb empfiehlt die Leopoldina auch, die Förderung von Selbstregulationskompetenzen „zu einer weiteren Leitperspektive des deutschen Bildungssystems zu machen.“ (S. 6) Bis das in unsere heutigen Bildungslandschaft tatsächlich umgesetzt wird, wird es vermutlich dauern. Aber alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, können auch heute schon einen wichtigen Beitrag dazu leisten.
Warum „Reiß dich zusammen“ nicht hilft
Damit das gelingt, müssen wir Erwachsenen allerdings ein Missverständnis hinter uns lassen, das mir im schulischen Kontext immer wieder begegnet: Von Kindern wird oft erwartet, dass sie sich „einfach mal zusammenreißen“, „endlich anfangen“ oder „sich konzentrieren“ – als wäre das eine Entscheidung, die sie einfach nur treffen müssten.
Aber Selbstregulation entsteht nicht durch Willenskraft. Sie entsteht durch Co-Regulation und häufige Wiederholungen: Ein Erwachsener nimmt wahr, was im Kind passiert, sortiert mit, beruhigt, strukturiert, hilft beim Wiedereinstieg. Erst über viele dieser geteilten Erfahrungen kann das Kind das Muster nach und nach selbst übernehmen.
Warum Selbstregulation in der Lerntherapie bei LRS und Rechenschwäche dazugehört
Genau hier wird es für meine Arbeit spannend, denn Kinder und Jugendliche mit LRS oder Rechenschwäche bringen aus der Schule oft eine Reihe negativer Erfahrungen mit. Sie haben gelernt, dass Lernen schwer ist, dass sie oft etwas falsch machen, obwohl sie sich anstrengen, dass die anderen schneller fertig sind, dass es nicht hilft, mehr zu üben, weil es trotzdem schiefgeht.
Wer in dieser Daueranspannung lebt, kann sich kaum selbst regulieren. Nicht, weil das Kind es nicht will, sondern weil sein Nervensystem schlicht im Stressmodus ist. Und im Stressmodus ist Lernen nicht möglich – das wissen meine Schüler, seit wir gemeinsam Mathetest und Drachenhörnchen gelesen haben. Ein weiteres Buch aus dieser Reihe rund um das Gehirn, „Stopp oder es kracht“, habe ich in meinem Novemberrückblick 2025 vorgestellt.
Deshalb starte ich in meiner Lerntherapie konsequent an der Null-Fehler-Grenze: dort, wo das Kind etwas wirklich sicher kann. Erst wenn es spürt „Das schaffe ich!“, entspannt sich das Nervensystem genug, dass neues Lernen überhaupt stattfinden kann. Dieses „Ich kann das“ ist nicht nur Motivation, es ist auch der Schlüssel zur Selbstregulation.
Wie Selbstregulation beim Lernen konkret aussieht
Wenn Selbstregulation gelingt, durchlaufen Kinder und Jugendliche verschiedene Schritte. Diese lassen sich in drei Phasen unterteilen Jeder dieser Schritte muss natürlich geübt werden.
Bevor ich anfange
- Ich überlege mir vorher ein Ziel, das ich erreichen will – in dieser Stunde, mit dieser Aufgabe, zu diesem Thema. Hier reicht es tatsächlich kurz innezuhalten und ein eigenes Ziel zu formulieren. Danach fällt es leichter, sich zu fokussieren. Zum Thema Ziele setzen in der Lerntherapie kannst du hier noch weiterlesen.
- Ich plane meinen Lernprozess: Mit welchen Methoden gehe ich vor, wie teile ich mir die Zeit ein, mit wem arbeite ich zusammen? In der 1:1-Lerntherapie ist hier die Auswahl etwas eingeschränkt. Wir können aber gemeinsam überlegen, wie lange wir für eine bestimmte Aufgabe wohl brauchen werden bzw. wie viel Zeit wir einplanen, wenn wir noch ein bestimmtes Spiel spielen wollen.
- Ich stelle meine Arbeitsfähigkeit her. Bin ich gerade zu müde und brauche Anregung oder bin ich zu aufgedreht und brauche eine kurze Entspannungsübung, um in den Fokus zu kommen? Dazu nutze ich mit meinen Schülern gerne Aktivitätsmesser, die ähnlich einem Tachometer eingestellt werden können. Auch eine Skala von 1-10 ist ein guter Anlass zur Reflexion.
Während ich arbeite
- Ich führe meine Arbeit durch. Vielleicht stelle ich mir einen Timer, schirme mich ab (Handy weg, Kopfhörer auf), spreche mir meine Schritte selbst vor – was mache ich zuerst, was dann? In der Online-Lerntherapie ist das Einschalten des Handy-Fokus für meine älteren Schüler ein wiederkehrendes Ritual. Auch das innere Sprechen (z.B. beim Aufschreiben von Wörtern) trainieren wir regelmäßig.
- Zwischendurch prüfe ich, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Wenn nicht, passe ich meine Strategie an. In der Lerntherapie nutze ich dazu gerne die Lernlandkarten, die meine Schüler erstellen. Bei kleineren Zielen reicht auch ein kurzes Innehalten: Was mache ich gerade? Ist es eigentlich das, was ich machen wollte? Was muss ich tun, damit es gelingt?
Wenn ich fertig bin
- Am Ende prüfe ich: Habe ich mein Ziel erreicht? War der Aufwand sinnvoll? Würde ich es beim nächsten Mal genauso machen oder etwas verändern?
- Und ganz wichtig: Ich feiere meine Erfolge. Einige Möglichkeiten dazu findest du in meinem Blogartikel Erfolge in der Lerntherapie sichtbar machen: 3 kleine Tools für große Wirkung
Diese Schritte müssen angeleitet und immer wieder geübt werden, bevor das Kind oder der Jugendliche sie für sich selbst übernehmen kann.
Lerncoaching in der Lerntherapie: Wie ich Selbstregulation konkret übe
Wenn ich mir diese Liste anschaue, wird auf einen Blick klar, warum Lerncoaching ein wichtiger Bestandteil meiner Lerntherapie ist: Ich kann mit einem Schülern noch so gute Lese- oder Rechenmethoden einüben – wenn das Kind oder der Jugendliche nicht in der Lage ist, sich aufs Lernen einzulassen, laufen alle Bemühungen ins Leere und sind nicht nachhaltig.
Ganz konkret heißt das in meiner Lerntherapie zum Beispiel:
- Wir sprechen zu Beginn jeder Stunde darüber, wie es dem Schüler heute geht und was er jetzt braucht, um mit der Arbeit beginnen zu können. Manchmal ist das eine Bewegungspause, manchmal ein Schluck Wasser, manchmal einfach nur kurz erzählen, was im Schulalltag schiefgegangen ist, damit der Blick wieder auf positive Dinge gerichtet werden kann. In meinem Artikel 60+ Mini-Pausen für konzentriertes Lernen findest du viele Ideen.
- Wir überlegen, wie die Arbeitsumgebung gestaltet werden kann. Was ist hilfreich, was sollte besser nicht am Arbeitsplatz liegen?
- Wir formulieren ein größeres Ziel und viele kleine, erreichbare Ziele, an denen wir messen können, ob wir dem großen Ziel näherkommen, z.B. „Ich lese flüssiger“ und als kleines Wochenziel „Ich lese diesen Text in unter 2 Minuten.“
- Wir üben Strategien zur Selbststeuerung: laut mitsprechen, Zwischenschritte aufschreiben, sich selbst Fragen stellen, mit einem Timer arbeiten.
- Am Ende der Stunde blicken wir auf die Erfolge. Wir halten schriftlich fest, was geklappt hat und überlegen auch, was beim nächsten Mal anders laufen könnte.
Das ist eigentlich Lerncoaching, wie ich es in meiner Ausbildung gelernt habe. Aber auch in der Lerntherapie ist es ein wichtiges Element, eingebettet in die fachliche Arbeit am Lesen, Schreiben oder Rechnen. Nur wenn Kinder und Jugendliche Schritt für Schritt Selbstregulationskompetenzen aufbauen, können sie sich auf schwierige Lerninhalte überhaupt einlassen.
Die Frage, die mich lange begleitet hat – und die Antwort
Lange habe ich mich gefragt, ob ich mit diesen Anteilen über meinen Auftrag hinausgehe. Eltern kommen ja zu mir, weil ihr Kind beim Lesen oder Rechnen Schwierigkeiten hat – nicht, weil es lernen soll, sich selbst zu regulieren. Sollte ich also mehr Zeit in das eigentliche Üben stecken?
Der DUDEN-Kongress hat mir da klare Worte mitgegeben. Selbstregulation ist nicht ein nettes Extra, das man bei Gelegenheit mitbedient – sie ist die Grundlage, auf der Lernen überhaupt erst stattfinden kann. Wer Lerntherapie macht und Selbstregulation ausblendet, behandelt das Symptom und übersieht eine entscheidende Wurzel.
Die Antwort auf meine eigene Frage lautet also: Ich mache nicht zu viel Lerncoaching. Ich mache genau richtig viel und werde diesen Anteil in den nächsten Monaten sogar noch bewusster in den Blick nehmen. Das hatte ich mir schon zum Jahreswechsel vorgenommen, der Kongress hat mich darin nochmal bestätigt.
Selbstregulation in der Lerntherapie: Was Eltern, Lehrkräfte und Kolleginnen mitnehmen können
Für Eltern: Wenn dein Kind Schwierigkeiten beim Lernen hat, geht es nicht nur um Buchstaben und Zahlen. Achte darauf, in welchem Zustand dein Kind ist, bevor es sich an die Hausaufgaben setzt. Ein müdes, überreiztes oder frustriertes Kind kann nicht lernen – egal, wie viel Zeit ihr investiert. Selbstregulation lernt dein Kind nicht durch Ermahnungen, sondern dadurch, dass du als Erwachsener mitregulierst – ruhig, klar, geduldig.
Für Lehrkräfte: Auch wenn der Lehrplan drückt – Kinder, die nicht selbstreguliert sind, profitieren von keiner Methode dieser Welt. Manchmal ist die wirksamste „Förderung“ eine kurze Pause, ein klarer Tagesablauf oder ein Gespräch über das, was gerade vor dem Lernen ansteht.
Für Lerntherapeutinnen: Falls du dich auch schon gefragt hast, ob du zu viel Lerncoaching machst – ich glaube, die Antwort ist meistens Nein. Selbstregulation ist Teil unseres Auftrags, ob wir sie so nennen oder nicht. Was hilft, ist, sich das immer wieder bewusst zu machen und es transparent gegenüber Eltern zu kommunizieren: „Wir arbeiten heute am Lesen und gleichzeitig daran, dass dein Kind lernt, sein eigenes Lernen besser zu steuern.“
Hier kannst du weiterlesen
- Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina e.V. – Nationale Akademie der Wissenschaften e.V. (2024). Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Schriftenreihe zur wissenschaftsbasierten Politikberatung: Stellungnahme. https://doi.org/10.26164/leopoldina_03_01157
- Meine 5 besten Tipps für entspanntes Üben
- Wie Therapieschnecken dabei helfen, runterzukommen – ein Interview (folgt demnächst)
