Zuletzt bearbeitet am 8. März 2026
„Soll mein Kind mit LRS am schulischen Förderunterricht teilnehmen?“ Diese Frage höre ich von Eltern immer wieder. Oft folgt gleich die nächste: „Die Schule sagt, mein Kind bekommt den Nachteilsausgleich nur, wenn es auch am Förderunterricht teilnimmt – stimmt das überhaupt?“
Meine Gedanken dazu findest du im folgenden Blogbeitrag. Übrigens gelten sie genauso für den Mathe-Förderunterricht für Schüler mit einer Rechenschwäche.
Deutsch-Förderunterricht: So ist er in der Schule eigentlich gedacht
Viele Schulen bieten Deutsch-Förderunterricht an – wenn genügend Zeit und Personal dafür vorhanden sind. Dort sitzen häufig ganz unterschiedliche Kinder zusammen: Kinder mit LRS, Kinder mit allgemeinen Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben und sehr oft auch Kinder, die noch nicht lange Deutsch lernen und vor allem ihren Wortschatz aufbauen müssen.
Häufig handelt es sich um Randstunden, in denen dieser Förderunterricht stattfindet. Die Schüler, die daran teilnehmen, müssen entweder früher kommen oder länger bleiben als ihre Mitschüler. Eigentlich klingt das erst einmal gut: zusätzliche Übungszeit und Lernen in einer kleinen Gruppe.
Die Realität im Förderunterricht: So sieht es an vielen Schulen aus
Unterschiedliche Kinder – aber oft das gleiche Programm
Theoretisch klingt das gut. Praktisch sieht der Förderunterricht an vielen Schulen anders aus: Die Gruppenzusammensetzung ist sehr unterschiedlich. Eigentlich bräuchte jedes Kind einen individuell abgestimmten Förderplan, damit es Fortschritte machen kann. In der Praxis arbeiten oft alle Schüler am gleichen Thema – zum Beispiel an einer Wiederholung aus dem Schulbuch. Ob das gerade zu ihrem Lernstand passt oder nicht, spielt dann kaum eine Rolle. Auf die unterschiedlichen Bedürfnisse wird wenig Rücksicht genommen. Hinzu kommt, dass der Förderunterricht nicht unbedingt durch Fachkräfte erteilt wird, sondern durch die Lehrkräfte, die eben noch Stunden frei haben. Häufig kennen sich diese Lehrkräfte nicht oder nur sehr wenig mit LRS aus und sind nicht in der Lage, Kinder mit LRS in einer solchen Gruppe angemessen zu fördern.
Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, allerdings ist mir in meiner bisherigen Tätigkeit noch kein Förderunterricht untergekommen, der Schüler mit LRS angemessen gefördert hätte.
Ein Beispiel aus der Praxis
Selbst der explizite LRS-Förderunterricht, den eine meiner Schülerinnen besucht (bzw. besuchen muss, um den Nachteilsausgleich (NTA) zu erhalten), ist dermaßen unstrukturiert, dass man nur hoffen kann, dass er keinen weiteren Schaden anrichtet.
Konkret kann das an Schulen so aussehen:
Eine Schule gewährt einem Schüler mit einer isolierten Rechtschreibstörung einen Nachteilsausgleich nur unter der Voraussetzung, dass er am Förderunterricht teilnimmt. Denn er soll ja schließlich seine Lücken aufarbeiten, damit der Nachteilsausgleich irgendwann nicht mehr nötig ist. Faktisch sind in der Fördergruppe v.a. Kinder mit Migrationshintergrund, die v.a. Wortschatz aufbauen und lesen üben müssen – das kann der Schüler aber. Er muss also Zeit und Energie in einen Förderunterricht stecken, der völlig an seinen Bedürfnissen vorbeigeht. Die Lehrkraft hat das wohl auch bemerkt und dem Schüler erlaubt, in dieser Zeit seine Mathehausaufgaben zu machen.
Was diese Erfahrung mit Kindern macht
Leider ist das keine Seltenheit – außer vielleicht das mit den Mathehausaufgaben. Die Gründe dafür liegen oft nicht am fehlenden guten Willen der Schule. Häufig fehlen schlicht Ressourcen: zu viele Kinder in einer Gruppe, zu wenig Zeit oder keine speziell ausgebildeten Fachkräfte für LRS.
Für das Kind entsteht daraus oft eine frustrierende Erfahrung: Es investiert zusätzliche Zeit, geht „zur Förderung“ und merkt trotzdem keine Verbesserung. Viele Schüler ziehen daraus einen sehr harten Schluss: „Ich strenge mich an und werde trotzdem nicht besser. Dann muss es wohl an mir liegen.“ Und genau hier wird es kritisch für das Selbstwertgefühl.
Was Schüler mit LRS wirklich brauchen
Damit Schüler mit LRS Fortschritte machen können, benötigen sie eine individuelle Förderung, die genau auf ihre Schwierigkeiten abgestimmt ist. Dafür müssen zunächst die konkreten Schwierigkeiten festgestellt werden. Erst dann lässt sich einordnen, an welcher Stelle im Lesen- oder Schreibenlernen das Kind gerade steht. Eine Einordnung zum Lesenlernen findest du in meinem Blogartikel: Wie geht Lesen lernen?
Darauf aufbauend muss ein individueller Förderplan erstellt werden, der sowohl die fachlichen Förderschwerpunkte als auch die persönlichen Entwicklungsfelder beinhaltet, z.B. wie gehe ich mit meinen Schwierigkeiten um, was sind meine Stärken, wie übe ich am besten und wer kann mich dabei unterstützen?
In der anschließenden Förderung werden diese Schwerpunkte dann Schritt für Schritt und aufeinander aufbauend bearbeitet. Dieser systematische Aufbau weicht in der Regel sehr von den Schulbüchern ab, weshalb schulisches Fördermaterial in der Regel nicht gut für Schüler mit LRS geeignet ist und sie eher verwirrt, als sinnvolle Strategien anbahnt.
Wenn du den Eindruck hast, dass der Förderunterricht deinem Kind nicht wirklich hilft, lohnt sich ein Gespräch mit der Schule. Oft lassen sich gemeinsam Lösungen finden, die besser zu den tatsächlichen Bedürfnissen deines Kindes passen. Viele meiner Schüler in der Lerntherapie sind z.B. vom schulischen Förderunterricht abgemeldet. Die Eltern haben der Schule das schriftlich mitgeteilt und argumentiert, dass ihr Kind am Nachmittag eine individuell abgestimmte Förderung besucht und dafür auch regelmäßig Übungsaufgaben mit nach Hause bekommt. Damit dafür genügend Zeit bleibt, nimmt das Kind nicht an der zusätzlichen schulischen Förderung teil. In der Regel heftet die Schule das Schreiben dann in der Schülerakte ab, so ist sie abgesichert (denn sie hat dem Schüler Förderunterricht angeboten) und dein Kind ist vom Förderunterricht befreit.
Darf die Schule den Nachteilsausgleich bei LRS an Förderunterricht koppeln?
Viele Eltern berichten mir, dass Schulen sagen: „Den Nachteilsausgleich bekommt dein Kind nur, wenn es auch am Deutsch-Förderunterricht teilnimmt.“ Das klingt erst einmal plausibel, denn das Kind soll ja gefördert werden, rechtlich ist diese Kopplung aber in der Regel nicht vorgesehen. In den Schulordnungen und Erlassen der Bundesländer werden Fördermaßnahmen und Nachteilsausgleich als zwei unterschiedliche Dinge geregelt. Förderung soll deinem Kind helfen, seine Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben zu verbessern. Der Nachteilsausgleich sorgt dagegen dafür, dass dein Kind bei Klassenarbeiten und Prüfungen trotz dieser Schwierigkeiten fair bewertet werden kann.
Deshalb wird der Nachteilsausgleich normalerweise nicht davon abhängig gemacht, welche Förderangebote ein Kind besucht, sondern dann beschlossen, wenn massive Schwierigkeiten sichtbar werden. Natürlich ist Förderung wichtig, und Schulen dürfen sie auch dringend empfehlen. Der Nachteilsausgleich ist aber kein „Belohnungssystem“ für den Besuch von Förderstunden, sondern ein Instrument für mehr Chancengleichheit. Mehr dazu, ob der Nachteilsausgleich eigentlich gerecht ist, findest du in meinem Blogartikel Warum Ungleichbehandlung gerecht ist.
Wenn du hörst, dass der Nachteilsausgleich nur mit verpflichtendem Förderunterricht gewährt wird, lohnt sich ein ruhiges Gespräch mit der Schule. Informiere dich vorab, welche Regelungen in deinem Bundesland gelten. Oft steckt hinter dieser Kopplung eher eine schulinterne Praxis als eine klare rechtliche Vorgabe. Im Gespräch lässt sich meist eine Lösung finden, die wirklich zum Bedarf deines Kindes passt. Zum Nachteilsausgleich in Niedersachsen findest du auf meinem Blog eine Zusammenfassung der rechtlichen Regelungen. Darin habe ich auch auf viele andere Bundesländer verlinkt.

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