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7 Fragen, die ich vor Beginn der Lerntherapie immer stelle und was die Antworten mir verraten

Sabine Landua in ihrer Lernthertapiepraxis, Text: 7 Fragen, die ich vor Beginn der Lerntherapie stelle und was sie verraten

Zuletzt bearbeitet am 26. März 2026

Wenn Eltern das erste Mal Kontakt zu mir aufnehmen, steckt dahinter meistens ein langer Weg. Monate, manchmal sogar Jahre des Beobachtens, Abwartens, Hoffens, und dann kommt irgendwann der Moment, in dem sie entscheiden: Jetzt holen wir uns Unterstützung. In einem ersten Gespräch schauen wir gemeinsam, was das Kind braucht und ob ich der richtige Ansprechpartner bin. Wie dieser Einstieg bei mir genau aussieht, kannst du übrigens in meinem Blogartikel Paulas Start in die Online-Lerntherapie nachlesen.

Wenn wir dann gemeinsam entscheiden, dass eine Lerntherapie der nächste Schritt ist, möchte ich mir von Anfang an ein möglichst umfassendes Bild machen. Dazu gehört eine Eingangsdiagnostik, in der ich den Lernstand und die Fehlerschwerpunkte feststelle. Ein Test ist aber immer nur eine Momentaufnahme. Deshalb bitte ich die Eltern, mir vor Beginn der Lerntherapie einen Anamnesebogen auszufüllen, in dem ich Fragen zur bisherigen Entwicklung ihres Kindes stelle. Dieser hilft mir, meine Testergebnisse besser einzuordnen. Die Fragen im Anamnesebogen sind weit mehr als eine Datenerhebung, die Antworten sind die Basis für unsere weitere Zusammenarbeit.

In diesem Artikel habe ich 7 Fragen aus meinem Anamnesebogen herausgegriffen: Warum sie mir wichtig sind und was mir die Antworten verraten.

7 Fragen zu Beginn der Lerntherapie – auf einen Blick

✔️ Eltern, die sich Unterstützung suchen, haben meist schon einen langen Weg hinter sich. Der Anlass für die Kontaktaufnahme zeigt mir, worauf wir aufbauen können.
✔️ Die Sorgen der Eltern verraten mir oft mehr als jeder Test, besonders dort, wo Lernschwierigkeiten bereits das Selbstbild des Kindes berühren.
✔️ Organische Ursachen wie Seh- oder Hörprobleme sollten immer zuerst ausgeschlossen werden, bevor eine Lerntherapie beginnt.
✔️ Ein Überblick über die Therapiegeschichte zeigt mir, was bereits probiert wurde und wo ich anknüpfen kann.
✔️ Medikamente können Konzentration und Lernverhalten beeinflussen. Wenn ich darüber Bescheid weiß, kann ich das in meiner Planung berücksichtigen.
✔️ Stärken zu kennen, ist genauso wichtig wie über Schwierigkeiten Bescheid zu wissen. Stärken sind der Hebel, über den Lernen wieder möglich wird.
✔️ Das Ziel der Lerntherapie sollte realistisch sein. Deshalb braucht es ein offenes Gespräch darüber, was Lerntherapie leisten kann und was nicht.

1. Gibt es einen konkreten Anlass für die Kontaktaufnahme?

Oft wissen Eltern intuitiv schon sehr lange, dass irgendetwas nicht stimmt, dass das Lesen, Schreiben oder Rechnen für ihr Kind nicht so verläuft, wie es zu erwarten wäre. Daher interessiert es mich sehr, was gerade jetzt den Ausschlag gegeben hat, sich Unterstützung zu suchen.

Manchmal ist die Antwort eindeutig: ein schlechtes Zeugnis, ein Gespräch mit der Lehrerin, eine neue LRS- oder Dyskalkulie-Diagnose. Manchmal ist sie ein diffuses Gefühl: „Ich weiß nicht genau, ich will, dass da nochmal ein Experte draufschaut.“ 

Der konkrete Anlass sagt mir, wo der Druck gerade sitzt. Die diffuse Antwort zeigt mir, dass Eltern oft schon lange ein komisches Bauchgefühl hatten und es trotzdem verdrängt haben. Eltern hoffen oft, dass es sich von selbst löst, dass das nächste Schuljahr besser wird, dass es an einer schwierigen Phase liegt. Leider sind das auch oft Rückmeldungen, die sie von Lehrkräften erhalten: erstmal abwarten. Dabei „wächst“ sich eine LRS oder Rechenschwäche nicht aus. Mehr zu Mythen rund um LRS und Rechenschwäche kannst du hier weiterlesen.

Wer dann den Schritt wagt und sich Unterstützung holt, ist oft schon ein gutes Stück des Weges gegangen. Die Antwort auf diese erste Frage zeigt mir deshalb, worauf wir aufbauen können. 

2. Welche Verhaltensweisen beunruhigen Sie?

Mit dieser Frage möchte ich die Eltern abholen und mehr über ihre Sorgen erfahren. Sie ist für mich eine der aufschlussreichsten überhaupt – denn Eltern beschreiben hier nicht nur Symptome, sondern das, was sie nachts wirklich wachhält.

Manche nennen schulische Dinge: „Sie liest zu langsam.“ „Er schreibt jeden Buchstaben anders.“ „Er ist so leicht ablenkbar.“ Andere beschreiben etwas, das tiefer geht und schon deutlich die Persönlichkeit berührt: „Sie weint jeden Morgen vor der Schule, wenn Mathe auf dem Stundenplan steht.“ „Er verweigert inzwischen das Schreiben komplett.“ „Sie stellt einen hohen Anspruch an sich selbst.“ „Sie redet schlecht über sich selbst.“

Genau dort, wo Lernschwierigkeiten auf das Selbstbild treffen, wird deutlich, was ein Kind wirklich braucht – und wie dringend.

3. Wann wurde das Seh- und Hörvermögen zuletzt überprüft?

Diese Frage wirkt auf den ersten Blick banal, aber sie ist wichtiger, als viele denken.

Nicht hinter jeder Lese- oder Rechtschreibschwierigkeit steckt eine LRS. Manchmal handelt es sich um ein unentdecktes Sehproblem, das dazu führt, dass Buchstaben verschwimmen oder springen. Dann fällt das Lesen natürlich schwer. Eine Hörschwäche oder Hörverarbeitungsstörung kann das Sprachverständnis beeinflussen und dazu führen, dass die Laut-Buchstaben-Zuordnung nicht sicher gelernt werden kann. So ist z.B. nur schwer zu unterscheiden, ob ich ein s oder z schreiben muss. Zum Thema Was ist eigentlich eine AVWS kannst du hier weiterlesen.

Bevor ich mit einem Kind arbeite, möchte ich daher sicher sein, dass alle möglichen organischen Gründe ausgeschlossen werden können. Die Antworten im Fragebogen zeigen mir, dass die Überprüfung des Seh- und Hörvermögens tatsächlich oft schon viel länger zurückliegt, als Eltern das in Erinnerung haben. Nicht selten werden nach der Beantwortung dieser Frage Termine bei Augen- und Ohrenarzt vereinbart.

4. Befand sich Ihr Kind bereits in Behandlung oder Therapie?

Diese Frage ist für mich besonders wichtig, um das, was ich wahrnehme, besser einordnen zu können. Hat ein Kind vielleicht schon eine Logopädie, Ergotherapie oder eine andere Art von Frühförderung durchlaufen, zeigt es mir, dass Eltern und Kind bereits einen langen Weg hinter sich haben.

Die Antwort auf diese Frage gibt mir wichtige Hinweise darauf, was bereits probiert wurde, was geholfen hat und was nicht. So kann ich besser verstehen, wie der aktuelle Lernstand zustande gekommen ist und warum sich bestimmte Schwierigkeiten so hartnäckig halten. Ich fange nicht bei Null an, sondern knüpfe an das an, was schon da ist.

5. Nimmt Ihr Kind Medikamente?

Bevor ich diese Frage explizit in meinen Anamnesebogen aufgenommen habe, habe ich manchmal nur zufällig mitbekommen, dass ein Kind Medikamente nimmt. Dabei ist es für meine Arbeit mit meinen Schülern ganz wichtig zu wissen. Bestimmte Medikamente, zum Beispiel bei ADHS, beeinflussen Konzentration, Aufmerksamkeit und Lernverhalten spürbar. Das hat Einfluss darauf, welche Tageszeiten zum Lernen ideal sind, verändert manchmal, wie ich die Stunden aufbaue und beeinflusst, wie ich Fortschritte einordne. Es hilft mir daher, meine Schüler besser zu verstehen und ermöglicht es mir, möglichst ideale Rahmenbedingungen für den jeweiligen Schüler zu schaffen.

6. Was läuft in der Schule und beim Lernen für Ihr Kind richtig gut?

Das ist die Frage, die viele Eltern überrascht und bei der sie kurz innehalten müssen. Oft sind wir so darauf getrimmt, festzustellen und zu benennen, was alles nicht gut läuft, dass es uns gar nicht so leicht fällt, positive Dinge zu benennen. Ich möchte das Kind aber möglichst ganzheitlich kennenlernen – nicht nur seine Schwierigkeiten, sondern auch seine Stärken. Worin sind die Kinder oder Jugendlichen richtig gut, was machen sie gerne, was motiviert sie? Stärken sind keine nette Zugabe – sie sind der Hebel, über den Lernen wieder möglich wird. Die Antwort auf diese Frage zeigt mir, wo wir in der Lerntherapie ansetzen können.

7. Welches Ziel sollte Ihr Kind in einer Lerntherapie erreichen?

Das ist meine letzte Frage im Anamnesebogen, denn erst wenn ich gehört habe, was war, was ist und was das Kind ausmacht, ergibt ein Ziel wirklich Sinn. Manche Eltern nennen schulische Ziele: sicheres Lesen, bessere Rechtschreibung, Rechenwege verstehen. Manche nennen etwas Grundlegenderes: „Er soll wieder gerne in die Schule gehen.“ „Sie soll keine Angst mehr vor Mathe haben.“ 

Manchmal zeigt sich hier auch, dass Eltern andere Vorstellungen haben als ich. Wenn sie sich z.B. wünschen, dass ihr Kind bessere Noten schreibt oder sie sich Unterstützung bei den Hausaufgaben wünschen. Dann ist es wichtig, darüber aufzuklären, was eine Lerntherapie leisten kann und was nicht.

Was diese 7 Fragen gemeinsam haben

Alle Fragen folgen meiner Überzeugung, dass eine gute Lerntherapie mit dem Verstehen beginnt: Wo steht das Kind gerade, was bringt es bereits mit, was braucht es wirklich? Wichtig ist mir zu Beginn auch die klare Auftragsklärung: Was erwarten Eltern überhaupt von mir? In welchem Bereich soll ich mit ihrem Kind arbeiten? Was ist den Eltern wichtig?

Wenn du selbst Lerntherapeutin bist oder gerade den Einstieg wagst und noch überlegst, wie du deine eigene Eingangsdiagnostik aufbaust, dann ist das ein Thema, das wir in meinem Coaching für Lerntherapeutinnen gemeinsam anschauen können. Natürlich können wir auch andere Themen aufgreifen, die dich rund um deine Arbeit gerade bewegen. Ich freue mich, wenn ich dich auf diesem Weg ein Stück begleiten darf.

Coaching für Lerntherapeuten

…und die, die es werden möchten.

In meinem 1:1-Coaching unterstütze ich dich genau da, wo du gerade stehst: Für ein gutes Gefühl in der Praxis.

Veröffentlicht unter Lerntherapie allgemein

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